„Transkulturelle Übergänge und postkoloniales Trauma“ und Gespräch mit Prof. Tamara Hundorova
Einladung zum Gespräch mit Prof. Tamara Hundorova
Wir laden herzlich zu einer Begegnung und Diskussion mit Prof. Tamara Hundorova ein. Im Gespräch haben Gäste die Möglichkeit, mehr über die zeitgenössische ukrainische Literatur und ihre wissenschaftliche Analyse zu erfahren – ein Thema, das seit der russischen Vollinvasion der Ukraine noch einmal deutlich an Aktualität gewonnen hat.
Wann: 20.03.2026, 17:00
Wo: Oseredok Leipzig – Seeburgstraße 100, 04103 Leipzig
Eintritt frei
Zur Autorin
Tamara Hundorova ist eine ukrainische Literaturwissenschaftlerin und Kulturtheoretikerin, Professorin und Doktorin der Philologie sowie korrespondierendes Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine. Seit 2022 ist sie leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin am Taras-Schewtschenko-Institut für Literatur der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine. Außerdem ist sie Professorin und Dekanin der Fakultät für Ukrainistik an der Ukrainischen Freien Universität in München sowie assoziierte Forscherin am Harvard Ukrainian Research Institute.
Von 2017 bis 2021 war sie Mitglied des Wissenschaftlichen Komitees des Nationalen Rates für die Entwicklung von Wissenschaft und Technologie beim Ministerkabinett der Ukraine. Zwischen 2019 und 2023 gehörte sie dem Komitee des Nationalen Taras-Schewtschenko-Preises an und war dessen stellvertretende Vorsitzende.
Tamara Hundorova ist Autorin zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen und Bücher, in denen sie zentrale Phänomene der ukrainischen Literatur mit zeitgenössischen theoretischen Ansätzen interpretiert – darunter postmoderne, postkoloniale, gender-theoretische und psychoanalytische Perspektiven. Im Mittelpunkt ihrer Forschung stehen Transformationen kulturellen Bewusstseins zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die Idee der „Post-Tschernobyl-Bibliothek“ als Metapher des ukrainischen Postmodernismus an der Schwelle zum 21. Jahrhundert sowie Themen wie Melancholie, Populärkultur und Kitsch.
Zum Buch „Transkulturelle Übergänge und postkoloniales Trauma“
Die Romane von Serhij Zhadan, Oksana Zabuzhko und Lina Kostenko gehören zu den prägenden Werken der ukrainischen Literatur der frühen 2000er-Jahre. In diesem Buch analysiert Tamara Hundorova diese sowie weitere symbolträchtige Texte und kulturelle Phänomene aus der Zeit zwischen den beiden Maidan-Revolutionen. Ihre Analyse konzentriert sich auf drei zentrale Themen: postkoloniales Trauma, posttotalitäres Bewusstsein und Postmemory.
Wer ist der „Loser“ in der ukrainischen Literatur? Wie entwerfen ukrainische Autorinnen und Autoren ihre eigene Vorstellung von Europa? Warum werden Familienepen der 2000er-Jahre zu Museen der Erinnerung? Wovon erzählt Tschernobyl? Und schließlich: Wie wurde Verka Serduchka zum Emblem einer Kultur des Übergangs?
Die Autorin untersucht den postsowjetischen kulturellen Transformationsprozess, Ressentiment und generationenübergreifende Erinnerung. Sie richtet den Blick auf die „letzte sowjetische Generation“, die um das Recht auf eine eigene nationale Geschichte ringt, und beschreibt zugleich die Generation der Unabhängigkeit – etwa bei Serhij Zhadan – als kulturellen Archetyp.
„Transkulturelle Übergänge und postkoloniales Trauma“ ist in vielerlei Hinsicht ein außergewöhnliches Buch. Es versucht, jene tiefen Schichten traumatischer Erfahrungen sichtbar zu machen, die nach der ukrainischen Unabhängigkeit von 1991 lange nicht aufgearbeitet wurden. Dazu gehören der Euromaidan, generationenübergreifende Traumata und Konflikte, das post-Tschernobyl-Syndrom sowie Formen sowjetischer Nostalgie.
Gleichzeitig widmet sich das Buch vielen weiteren komplexen Fragen, die aus der langen postkolonialen Situation der Ukraine hervorgegangen sind. Dadurch wird es zu einem Schlüsseltext der ukrainischen intellektuellen Geschichte der ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts.
Doch die Bedeutung von Tamara Hundorovas „Transkulturelle Übergänge und postkoloniales Trauma“ reicht darüber hinaus. Das Buch lädt dazu ein, einige der „alten Ideen“, die vor dem 23. Februar 2022 formuliert wurden, neu zu überdenken – im Licht einer radikalen Erfahrung von Heimatverlust, die heute Millionen von Ukrainerinnen und Ukrainern prägt, während sie versuchen zu verstehen, was mit ihnen in einer Welt „nach dem Übergang und nach Butscha“ geschieht.
(Oleksandr Pronkevych)
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